Leseprobe
Vorwort
„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“
Korinther 13
Dies ist ein Buch über das Familienstellen, eine Technik, die zur systemischen Psychotherapie gehört. Sie wurde 1965 von der amerikanischen Familientherapeutin Virginia Satir entwickelt und „Familienrekonstruktion“ genannt. Bert Hellinger entwickelte diese Technik weiter und machte sie im deutschsprachigen Raum unter dem Namen „Familienstellen“ bekannt. Der Einfachheit halber übernehmen wir diese Bezeichnung.
Dies ist kein Buch über die Arbeit Hellingers. Es vermittelt unsere Sichtweise von der systemischen Psychotherapie, die stark von Virginia Satir geprägt ist, und unsere Erfahrungen mit dem Familienstellen, die sich auf einige hundert Aufstellungen gründet. Wir nannten das Buch „Alltagswege zur Liebe“, weil das Familienstellen es ermöglicht, dass Liebe auch in schwierigsten Situationen - im Alltag - erlebbar wird und heilt.
Familienstellen hat uns von Anfang an fasziniert. Wir kennen keine andere Gruppentechnik, mit der man auf so vielen Ebenen mit so vielen Menschen gleichzeitig arbeiten kann. Die Aufstellung erfordert höchste Konzentration und tiefes Einfühlungsvermögen. Verstand, Gefühl und Intuition sind gleichermaßen wichtig, und zwar nicht nur bei den Therapeuten, sondern bei allen, die bei der Aufstellung mitwirken. So entsteht ein intensiver, tragfähiger Gruppenprozess, zu dem jeder seinen Teil beiträgt und bei dem jeder wichtig ist. Mit dieser Unterstützung kann die Dynamik im Familiensystem deutlich werden, und Lösungen werden erkennbar und umsetzbar. Das Mittel, das die schlimmsten Schwierigkeiten heilt und löst, ist dabei immer die Liebe, und sie kann von allen Beteiligten tief empfunden werden. Ganz gleich, um welche Alltagsgefühle es sich handeln mag – um Hass, Wut, Neid oder Minderwertigkeit – die Liebe erfasst und verwandelt sie.
Dieses Buch ist für jeden gedacht, der sich für die systemische Psychotherapie und für den Erkenntnisprozess „Familienstellen“ interessiert. Diejenigen, die an einer Aufstellung teilnehmen wollen, können sich eingehend darüber informieren, was in einem Seminar auf sie zukommen mag. Auch wenn Sie das Familienstellen schon kennen, gibt Ihnen das Buch Einblicke in die etwas andere, die systemische Sichtweise. Doch Vorsicht! Das Buch ist, wie uns einer der systemischen „Götter“ entgegen schleuderte, populärwissenschaftlich. Darauf sind wir stolz, denn wir möchten auch von Menschen verstanden werden, die den Olymp akademischer Wissenschaften nicht erklommen haben.
Im ersten Teil befassen wir uns mit den Ordnungsprinzipien, die beim Familienstellen angewandt werden. Wir beschäftigen uns damit, wie man den Begriff „Ordnung“ interpretieren kann, damit ganz klar ist, wovon wir sprechen, wenn wir „Ordnung“ sagen. Der kurze Abriss der Wissenschaftsgeschichte soll den Unterschied zwischen der systemischen und der analytischen Perspektive verdeutlichen, und weil, wie Einstein sagte, jede Arbeit nur so gut sein kann, wie die Theorie, die dahinter steht, widmen wir der Allgemeinen Systemtheorie, auf die sich die Ordnungsprinzipien beim Familienstellen gründen, ein Kapitel.
Im zweiten Teil informieren wir Sie zuerst umfassend über das Familienstellen, befassen uns dann mit der Dynamik, die beim Zusammenleben der Familiengemeinschaft entsteht, und deren Auswirkung auf den erwachsenen Menschen. Im dritten Teil machen wir Sie mit den Störungen bekannt, die in Familien am häufigsten vorkommen, und zeigen, wie diese durch das Familienstellen behoben werden können. Im vierten und letzten Teil geht es um Spiritualität, und wir beschränken den Begriff nicht, wie es heute oft geschieht, auf die Esoterik. Jeder Mensch ist spirituell, weil er lebt und liebt, und wie er seine ihm eigene Spiritualität zum Ausdruck bringt – ob im Kontext einer der großen Religionen, durch die Liebe zur Natur, zu Tieren oder zu den Menschen, durch Musik, Malerei, Tanz, Sport oder durch Esoterik – ist sein ureigenes Recht, und es steht uns nicht zu, darüber zu urteilen.
Zum Schluss möchten wir uns bei allen bedanken, ohne die dieses Buch nicht möglich gewesen wäre: Bei unserem Vater und Schwiegervater Peter Güllekes dafür, dass er das Manuskript korrigierte. Bei der Diplompsychologin und Psychotherapeutin Margitta Jäger, mit der alles begann, weil sie unser Interesse an Psychologie und Psychotherapie weckte, und unter deren Anleitung Christiane die Werke Sigmund Freuds verschlang. Vor allem aber bei Sabine und Walter Cormann vom Psychotherapeutischen Weiterbildungszentrum in Lindau, die uns an ihrem reichen Erfahrungsschatz teilhaben ließen und systemische Familientherapeuten aus uns machten. Danke unseren Organisatorinnen Christine Fonseca, Elsbeth Powischer, Ingrid Münchow und Cornelia Weber, die unser Konzept unterstützen und die Kurse praktisch möglich machen. Danke auch allen Teilnehmern unserer Seminare, durch die unser Wissen zu Erfahrung wurde. Unser besonderer Dank gilt denjenigen, deren schriftliche Rückmeldung wir im Buch verwenden durften.
Christiane und Alexander Sautter
Vorwort zur 2. Auflage
Nach sechs Jahren steht die zweite Auflage dieses Buches an. In dieser Zeit haben wir intensiv gearbeitet und viele neue Erkenntnisse gewonnen. Aus diesem Grund haben wir das Buch gründlich überarbeitet. Neu sind zum Beispiel die Kapitel über Beziehungstraumata und Adoptionsfamilien, sowie über die prägende Rolle des Zweiten Weltkriegs. Das Kapitel über die Aufstellungstechnik ist überarbeitet, anderes fehlt ganz, weil es unseren therapeutischen Ansprüchen heute nicht mehr genügt. Wir danken der Verlegerin des Ibera-Verlags, Brigitte Strobele, die uns diese Neuauflage ermöglichte.
Als wir 1998 mit dem Schreiben begannen, glaubten wir ganz naiv, dass jede Form des Familienstellens auf den Regeln der systemischen Psychotherapie basierte. Das Familienstellen, das wir in unserer Ausbildung zum Familientherapeuten bei Sabine und Walter Cormann gelernt hatten, bewegte sich jedenfalls ganz eindeutig in diesem Rahmen. Nachdem wir von Teilnehmern unserer Seminare immer wieder gefragt wurden, was denn die Grundlage unserer Interventionen sei und es einfach zu lange dauerte, den systemischen Hintergrund immer wieder zu erläutern, beschlossen wir, dieses Buch zu schreiben.
Der erste Verlag, dem wir das Manuskript anboten, erteilte uns eine herbe Abfuhr. Erstaunt nahmen wir zu Kenntnis, dass wir das, „was in der Aufstellungsarbeit unter Ordnungen der Liebe verstanden wird, kaum verstanden und mit völlig anderen Ordnungsvorstellungen vermischt...“ hätten. Der Lektor, Herausgeber vieler Bücher über das Familienstellen Bert Hellingers, fuhr fort: „Praktisch bilden ganz überwiegend eher allgemeine familientherapeutische Vorstellungen den Hintergrund der Vorgehensweisen“. Außerdem würde für „Psychotherapieunerfahrene zu viel Hintergrund erklärt, der diese vermutlich eher nicht interessiert“ (Weber, 23. 2. 2000).
Wir waren äußerst verwundert, hatten wir doch angenommen, es ginge bei jeder Form des Familienstellens um eine familientherapeutische Intervention auf systemischer Basis. Welche Ordnungsvorstellungen verfolgte denn Herr Hellinger, und warum war es für ihn nicht wichtig, dass seine Klienten verstanden, was er machte? Wir hatten gelernt, dass Transparenz in der therapeutischen Beziehung ein Kennzeichen der systemischen Psychotherapie sei, und erklären deshalb unseren Klienten, was wir machen.
Langsam dämmerte uns, dass das von und nach Hellinger betriebene Familien-Stellen nichts mit systemischer Therapie zu tun hatte. Der Irrtum unsererseits war verständlich, denn der Titel des ersten Buchs über Hellinger, erschienen in einem systemischen Fachverlag, lautet: „Zweierlei Glück, die systemische Psychotherapie Bert Hellingers“. Mit unseren Zweifeln waren wir nicht allein. In der Zeitschrift „Psychologie Heute“ fanden wir einen Artikel von Professor Fritz B. Simon, Autor vieler Bücher über systemische Psychologie, in dem er schrieb: „Bert Hellingers Methoden haben mit der systemischen Therapie nichts gemeinsam. Wer beide in einem Atemzug nennt, betreibt Etikettenschwindel (7/98).“
Inzwischen ist das Familien-Stellen Hellingers durch mehrere Artikel in großen deutschen und Schweizer Zeitungen und durch das Fernsehen öffentlich sehr in die Kritik geraten. Einige Autoren rücken Hellingers Aufstellungsarbeit gar in die Nähe des Okkultismus. Leider gerät die Methode dadurch ebenfalls unter Beschuss. Nun ist Hellingers Familien-Stellen nur eine Möglichkeit, mit Skulpturen, wie es fachlich richtig heißt, zu arbeiten. Jacob Levy Moreno, Virginia Satir und Diane und Albert Pesso nutzten diese Technik lange vor ihm und auf andere Weise.
Das systemische Familienstellen, das wir in diesem Buch beschreiben, hat, wie Herr Dr. Gunthart Weber ganz richtig bemerkte, nichts mit der Hellinger-Methode zu tun, sondern setzt sich aus den Bestandteilen des Psychodramas, der Familienrekonstruktion und der psychomotorischen Therapie zusammen und bleibt somit im Rahmen der Familientherapie. Somit lag Dr. Weber damals goldrichtig mit der Beurteilung unseres Manuskripts.
Wir arbeiten jetzt seit zehn Jahren mit systemischen Familienaufstellungen und sind nach wie vor überzeugt von dieser Methode. Ein Teilnehmer eines unserer Seminare, der Lehrer Ralf Kollars, schrieb uns vor einigen Jahren einen Brief, der den Sinn und das Ziel einer systemischen Aufstellung so gelungen zusammenfasste, dass wir ihn auf unserer Homepage veröffentlichten. Wir entschlossen uns, Ihnen diesen Brief nicht vorzuenthalten. Ralf Kollars schreibt:
„Schon längere Zeit hatte ich mich mit dem Gedanken getragen, mir meine Lebenssituation in einer Familienaufstellung bewusst zu machen. Nicht zuletzt auf Grund einiger kritischer Publikationen über die Arbeitsweise Bert Hellingers stand ich der Methode aber zunächst skeptisch gegenüber. Gespräche mit Christiane und Alexander Sautter und nicht zuletzt ihr Buch, das klar und gut verständlich Grundlagen und Methodik der Familienaufstellung darstellt, bewogen mich dann doch, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.
Ich empfand das Wochenende als sehr intensiv und damit auch anstrengend. Von einem vermeintlichen „Psycho-Okkultismus“, der dieser Methode manchmal vorgeworfen wird, konnte ich bei Sautters nichts finden. Im Gegenteil, es ist sehr einsichtig, was da in meinem Leben wirkt, nicht die Geister der Ahnen, sondern meine Projektionen, die durch die Aufstellung sichtbar und klar wurden. Besonders gefiel mir, dass nicht dogmatische Lehren angewandt wurden, dass nicht be- oder verurteilt wurde oder Teilnehmer zu irgendwelchen Ritualen gezwungen wurden.
Eine Familienaufstellung geht meines Erachtens sehr viel tiefer als andere Therapieformen, da über die aufgestellten inneren Bilder nicht nur die kognitive Ebene des Intellekts angesprochen wird, sondern der Mensch als Ganzes. Ich habe gespürt, nicht nur erkannt. Mögliche Lösungen ergeben sich aus der Kommunikation mit den Leitern und den aufgestellten Doubles, können also in Interaktion mit den inneren Bildern ausprobiert werden.
Bei nahezu jeder Aufstellung erkannte ich Anteile von mir selbst, es war wohltuend und verbindend zu erkennen, dass jeder von uns sein mehr oder weniger großes Päckchen mit sich herumträgt, nicht nur ich allein „daneben“ bin; dass es nicht darum geht, zu moralisieren oder zu pathologisieren, sondern zu verstehen. Ich verstehe mich selbst besser und kann mich in den anderen erkennen. Diesen Erkenntnisprozess möchte ich allen Menschen wünschen. Ich glaube auch, dass das der ureigene Sinn jeder Religion und Spiritualität ist: Verstehe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Christiane und Alexander Sautter
Teil II
Kapitel 4
Das Familienstellen
„Das Bemühen, innere Prozesse nach außen zu verlagern, brachte mich zum Rollenspiel. Als ich dem Prozess den Kontext hinzufügte, fing ich an, Menschen die Rollen der Mutter, des Vaters, der Geschwister und anderer signifikanter Personen innerhalb der drei Generationen der Ursprungsfamilie spielen zu lassen. Ich bemerkte, dass die Rollenspieler wussten, was sie sagen mussten, selbst wenn sie nur sehr wenig Information über ihre Rolle hatten. Aufgrund der Allgemeingültigkeit des Prozesses waren die Rollendarsteller in der Lage, sich auf den Prozess einzustimmen. Ich stellte fest, dass dieser Prozess viele Ebenen umfasst, dass er eine spirituelle Dimension hat und dass er auf sehr tiefgreifende Weise wirkt.“
Virginia Satir (1995)
Im ersten Teil haben wir uns mit dem Begriff Systemtheorie und den dort geltenden Ordnungen vertraut gemacht. Wir haben erfahren, wie die Ordnungen in Familien wirken, und bereits kurz angesprochen, was geschieht, wenn dagegen verstoßen wird. Doch wie können wir herausfinden, welche Ordnung in einer Familie gestört ist?
Wenn Eltern mit Kindern bei uns im Therapieraum sitzen, unterhalten wir uns mit allen Anwesenden und finden das Muster, das das Problem verursacht, bestenfalls im Gespräch heraus. Doch häufig sind nicht alle Mitglieder verfügbar, und besonders bei erwachsenen Klienten sind die Eltern zuweilen schon gestorben, und die Geschwister leben in einem anderen Teil des Landes. Manchmal sind Vater, Mutter oder gar beide Eltern nicht bekannt oder keinesfalls bereit, an einer Familientherapie teilzunehmen. Was tun, wenn die Klienten trotzdem das Gefühl haben, ihr spezielles Problem hätte etwas mit ihrer Familie zu tun?
Hier können wir die „systemische Skulpturarbeit“, wie diese Gruppentechnik wissenschaftlich korrekt heißen müsste, nutzen. Die moderne Familienaufstellung basiert auf der Familienrekonstruktion Virginia Satirs, verwendet aber auch Elemente aus dem Psychodrama Morenos und der psychomotorischen Therapie des Ehepaars Albert Pesso und Diane Boyden-Pesso. Kollegen, die sich intensiver mit den Grundlagen der systemischen Aufstellungspraxis befassen wollen, seien auf unser Lehrbuch verwiesen, das im Verlag für Systemische Konzepte voraussichtlich 2009 erscheinen wird.
Der Auftrag
Bevor es mit der eigentlichen Aufstellung losgeht, halten wir es für unbedingt notwendig, uns ein genaues Bild vom Klienten und seiner Zielsetzung zu verschaffen. So nehmen wir uns Zeit für ein Vorgespräch. Obwohl viele Aufsteller der Meinung sind, dass es eher schadet, wenn die Therapeuten zu viel wissen, haben wir grundsätzlich andere Erfahrungen gemacht.
Als systemische Therapeuten sind wir nämlich davon überzeugt, dass nur der Klient selbst weiß, woran er arbeiten möchte und welches Ziel er anstrebt. Aus diesem Grund, stellen wir die alles entscheidende Frage: Wohin soll die Reise gehen? Welches Ziel möchte der Klient verwirklichen und woran würde er merken, dass es ihm gelungen ist? Wir fragen ausdrücklich nach dem Ziel und nicht nach dem Problem. Was empfinden Sie, wenn Sie nach Ihrem Problem gefragt werden? Wie ändert sich Ihr Empfinden, wenn Sie Ihr Ziel formulieren? Natürlich wird das Problem gewürdigt, doch mit der Fokussierung auf das Ziel gewinnt man die nötige Eigenmotivation, wenn es schwierig werden sollte. Dient das Verhalten, das man seit vielen Jahren zeigt und das keine Veränderung brachte, dem Ziel, oder könnte man sich dazu entschließen, etwas Neues auszuprobieren?
Der Auftrag ist für uns wichtig, damit wir wissen, was der Klient lösen möchte. Natürlich haben wir selbst auch Ideen, was zu bearbeiten wäre, doch es kann gut sein, dass dem Klienten etwas anderes viel wichtiger ist, und wir glauben zutiefst, dass nur er selbst entscheiden kann, was ihm guttut. So halten wir uns streng an den Auftrag, und wenn jemand sagt, dass es ihm reicht, hören wir auf, selbst wenn ein Folgeschritt zum Greifen nahe wäre. Mit dieser Arbeitsweise vermeiden wir, dass sich der Klient zu viel zumutet und deshalb schlecht mit dem Ergebnis zurechtkommt. Den nächsten Schritt macht er dann, wenn er fühlt, dass er dazu bereit ist.
Für den Klienten ist der Auftrag wichtig, weil er sich klar werden muss, was er will. Mit dieser Frage lassen wir ihn nicht allein, sondern erarbeiten gemeinsam das Ziel, was bereits schon therapeutisch wirkt. Wir erinnern uns an einen Klienten, der meinte, er wolle am Konflikt zwischen den Generationen arbeiten. „Welche Generationen?“ fragten wir. „Die Generationen von Müttern und Söhnen!“ antwortete er. „Welche Mütter und Söhne?“ bohrten wir unhöflicherweise nach. „Na, zwischen mir und meiner Mutter!“ gab er zu. Dieses Beispiel wirkt lustig, doch ist es häufig so, dass wir das Problem, das uns betrifft, möglichst umgehen. Wir weichen aus, denn wir fürchten den Schmerz, der entstehen mag, wenn wir genau hinschauen. Wenn wir jedoch am Kernpunkt angelangt sind, spüren wir das sofort. Vielleicht sind wir aufgewühlt, traurig oder zornig. Wir nehmen uns selbst in unserer Verletzung wahr und ernst.
Der Auftrag hat noch eine wichtige Funktion: Der Klient übernimmt damit die Verantwortung für seinen Prozess. Er behält sie während der gesamten Arbeit, und wir fragen im Zweifelsfalle noch einmal nach, ob er bestimmte Schritte wirklich gehen will. So gestaltet er den Prozess mit und erarbeitet sich die Lösung selbst. Wir begleiten und unterstützen ihn dabei. Widerstände gegen die Arbeit werden durch diese Vorgehensweise nur selten geweckt, denn eine selbst erarbeitete Lösung ist leichter anzunehmen als Schritte, die der Therapeut vorgibt.
Das Genogramm
Um die Dynamik in der Familie für alle deutlich zu machen, stellen wir sie mit Hilfe eines Genogramms, eines Stammbaums, graphisch dar. Meist genügen uns drei Generationen, also die Kinder, die Eltern und die Großeltern. An diesem Bild können sich alle orientieren, besonders, wenn die Verhältnisse kompliziert sind.
Das Genogramm dient nicht nur dazu, die Übersicht zu erleichtern. Wir erhalten dadurch viele Informationen über die Familie. Es gibt Familien, in denen über Generationen die Männer oder die Frauen früh sterben, in denen gehäuft Selbstmorde auftreten oder Frauen von Männern verlassen werden. Dadurch können wir uns das Klima in der Familie vorstellen und erhalten Hinweise darauf, welche Lebensregeln die Kinder wahrscheinlich gelernt haben.
Prägende Erlebnisse
Es gibt Aufsteller, die der Überzeugung sind, dass sich Schicksalsschläge, die unsere Ahnen erlitten, unmittelbar und meist unabwendbar auf die nachfolgenden Generationen auswirken. So kamen Menschen in unsere Praxis, die nach solchen Aufstellungen viel mehr Probleme hatten als vorher, weil ihnen zum Beispiel versichert wurde, sie könnten keine erfüllte Partnerschaft führen, weil der Urgroßvater die Urgroßmutter verlassen habe.
Wir glauben auch, dass sich solche Ereignisse tradieren, doch nicht in dem Sinne, dass die Vergangenheit mit grauen Spinnenfingern nach uns greift, sondern deshalb, weil sich Erfahrungen prägend auf das Verhalten von Menschen auswirken. Nicht das Ereignis, sondern das daraus geprägte Verhalten wird sowohl bewusst als auch unbewusst an die Kinder weitergegeben. Möglicherweise war die Großmutter sehr enttäuscht und verbittert und vermittelte ihrer Tochter, nur ja keinem Mann zu vertrauen. Die Tochter wurde von dieser Überzeugung geprägt und obwohl ihr „vom Kopf her“ klar sein mag, dass nicht alle Männer schlecht sein können, behält sie ein grundsätzliches Misstrauen zurück, dass es ihr unmöglich macht, sich wirklich auf eine Partnerschaft einzulassen. Ein Beispiel für eine solche Prägung finden Sie im Fallbericht im Anschluss an das sechste Kapitel.
Aus diesem Grund befragen wir die Teilnehmer einer Aufstellung, was in der Familie geschehen ist, um Verhaltensmuster aufzuspüren, die möglicherweise damals hilfreich waren, heute aber die kreative Lebensgestaltung der Kinder und Enkel erschweren oder sogar verhindern.
Um Ihnen eine Idee zu geben, welche Ereignisse wir meinen, wollen wir jetzt die am häufigsten vorkommenden kurz beschreiben. Die Prägungen aus dem Zweiten Weltkrieg und die Traumata, die durch Beziehungen entstehen, erhalten ein eigenes Kapitel.
Es ist immer schlimm, wenn ein Mensch stirbt, doch wirkt es anders, wenn Familienmitglieder im Alter sterben als wenn sie in jungen Jahren aus dem Leben gerissen werden. Wenn Vater oder Mutter oder beide Eltern sterben, wenn die Kinder noch jung sind, wirkt sich diese Erfahrung tiefgreifend auf die Kinder aus. Aber auch wenn Geschwister sterben oder wenn ein Kind bei der Geburt oder kurz danach verstirbt, hinterlässt ein solches Ereignis Narben. Mehr über die früh Verstorbenen, aber auch über diejenigen, über die nicht mehr gesprochen wird, finden Sie in Kapitel sieben.
Auch Krankheiten beeinflussen Familien und zwar sowohl die chronischen schweren Erkrankungen als auch die plötzlichen Todesfälle. Die Pflege eines chronisch kranken Familienmitglieds hinterlässt andere Spuren als ein plötzlicher Tod ohne die Möglichkeit, sich auf das Ereignis vorzubereiten oder Abschied zu nehmen. Besonders tiefgreifend wirken sich hier psychische Erkrankungen der Eltern auf die Kinder aus. Auch heute noch herrscht in der Bevölkerung große Angst vor psychisch kranken Menschen. Dies liegt vor allem an der Berichterstattung der Medien, die jede Gewalttat eines psychisch Kranken in den Mittelpunkt der Nachrichten stellt, so dass der Eindruck von Gewaltbereitschaft und Mordlust entsteht. Dass die überwiegende Mehrzahl der psychisch kranken Menschen sehr ängstlich und zurückgezogen lebt, fällt ebenso wenig in Betracht wie die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit aller Gewaltverbrechen von nicht psychisch kranken Menschen verübt wird. Kinder psychisch kranker Menschen werden auch heute noch mit ihren Problemen allein gelassen, und es gibt nur in manchen Großstädten Selbsthilfegruppen, wo sie Unterstützung finden.
Natürlich wirkt sich auch eine Suchterkrankung tiefgreifend auf das Familienleben aus. Wir sprechen hier nicht nur von den substanzabhängigen Süchten nach Alkohol, Medikamente und Drogen, sondern auch von Spielsucht, Computersucht oder Kaufsucht. Die Essstörungen gehören ebenso zu den belastenden Faktoren wie die Zwangserkrankungen.
Da auch Schwierigkeiten in der Gegenwartsfamilie Thema einer Aufstellung sein können, befassen wir uns immer öfter mit den Folgen von Arbeitslosigkeit und der daraus resultierenden Armut im reichen Mitteleuropa. Viele wehren sich nicht gegen Mobbing und unzumutbare Arbeitsbedingungen, weil sie Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes haben. Meist sind die Kinder diejenigen, die durch ihre Ängste auf die Verunsicherung der Erwachsenen reagieren.
Es sind ebenfalls die Kinder, die für die sehr liberale Beziehungsgestaltung der Erwachsenen bezahlen. Ob es den Eltern passt oder nicht, sind Kinder stock konservativ. Sie tolerieren weder die wechselnden Partner ihrer Eltern, noch Scheidungskriege. Allen Freiheitsbestrebungen von Erwachsenen zum Trotz wollen Kinder stabile Bezugspersonen und zeigen meist durch Symptome, wenn sie mit der Situation nicht mehr klar kommen.
Beziehungstraumata
Ein Thema, was uns in Aufstellungen immer wieder begegnet, sind Beziehungstraumata, seelische Verletzungen, die vor allem Kinder aber auch Erwachsene in ihren Familien oder im engeren Umfeld erleiden. Im Allgemeinen verstehen wir unter einem Trauma ein Ereignis, das plötzlich über einen Menschen hereinbricht und von dem er sich existentiell bedroht fühlt. Er sieht nicht die Möglichkeit, sich durch Flucht oder Kampf in Sicherheit zu bringen, und gibt auf.
Ob ein Ereignis als Trauma erlebt wird, hängt vom subjektiven Gefühl jedes Einzelnen ab. Ein Kind oder Säugling wird schon durch Ereignisse traumatisiert, die ein Erwachsener gut bewältigt hätte. So wurden viele Kinder durch Krankenhausaufenthalte geschädigt. Bis in die achtziger Jahre war es Eltern nämlich nicht erlaubt, ihre schwerkranken Kinder im Krankenhaus zu besuchen. Alle diese Kinder leiden an Verlassenheitstraumata, die sich in Beziehungen meist als Angst vor Nähe oder auch als Angst vor dem Alleinsein zeigt.
Körperliche Misshandlungen traumatisieren Kinder. Es gibt unserer Überzeugung nichts, was körperliche Gewalt gegenüber einem Menschen rechtfertigen würde. Wir reden hier nicht über den „einzigen Klaps im Jahr“, der einer überforderten Mutter oder einem Vater passieren mag. Nicht, dass wir dieses Verhalten gutheißen, doch sind die Erwachsenen meist selbst sehr betroffen über den Ausrutscher, entschuldigen sich beim Kind und überlegen sich andere Erziehungsstrategien. Wenn jedoch körperliche Züchtigung zum Erziehungsalltag gehört, wenn Kinder regelmäßig geschlagen werden, leiden die meisten als Erwachsene an den Folgen, häufig ohne den Grund dafür zu kennen.
Dazu ein Beispiel: Ein Geschäftsmann kam, weil er sich selbst nicht erklären konnte, warum er sich gegenüber Kunden nicht durchzusetzen vermochte, auch wenn er offensichtlich im Recht war. Wir fanden gemeinsam heraus, dass er die Sprache verlor, wenn der Kunde aggressiv wurde. Er konnte sich beim besten Willen nicht an irgendwelche Ereignisse erinnern, die dieses Verhalten hätten auslösen können. Zufällig kam die Rede auf Prügel, und er sagte: „Wieso? Prügel sind doch nichts Besonderes. Jeder Junge im Dorf wurde mehrmals in der Woche geschlagen.“ Langsam wurde ihm jedoch klar, dass die Aggressionen seiner Kunden bewirkten, dass er innerlich im Bruchteil von Sekunden zum angstvollen kleinen Jungen wurde, der sprachlos vor Entsetzen auf die Prügel durch den übermächtigen Vater wartete.
So ziemlich das Schlimmste, was einem Kind geschehen kann, ist ein sexueller Missbrauch. Es gibt keine harmlose Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen. Alle Kinder werden durch solche Erlebnisse schwer geschädigt. Viele wissen nicht, dass man nicht erst bei einer Vergewaltigung des Kindes von Missbrauch spricht. Eine Klientin wurde z.B. von ihren Eltern gezwungen, beim Geschlechtsverkehr zuzusehen, eine andere wurde von ihrem Vater bis in die Pubertät unter dem Vorwand einer sogenannten „Hygienekontrolle“ regelmäßig betatscht. Seit die Kinderpornografie im Internet gut zu vermarkten ist, nehmen die Fälle eher zu, vor allem sind heute in zunehmendem Maße auch Jungen betroffen. Die Opfer brauchen häufig professionelle Hilfe, um solche Erlebnisse zu verarbeiten. Der Missbrauch wirkt sich destruktiv auf spätere Beziehungen aus, wobei nicht der Täter, sondern der spätere Partner oder die Partnerin mit den Folgen konfrontiert sind. Nicht wenige Ehen werden aus solchen Gründen geschieden und wieder bezahlen meist die Opfer die Zeche und in den seltensten Fällen nur die Täter.
Traumatisiert werden Kinder aber auch durch Erlebnisse, die einzeln genommen nicht schwer zu verkraften gewesen wären, in ihrer Summierung jedoch destruktiv wirken. Die Betroffenen wissen oft gar nicht, warum es ihnen schlecht geht, denn sie haben weder körperliche, noch sexuelle Gewalt erlitten. Dass man ein Kind auch seelisch misshandeln kann, ist immer noch kein Allgemeinwissen. Unter einer seelischen Misshandlung versteht man z.B. die ständige Abwertung eines Kindes. Wenn ein Kind es einfach nie richtig machen kann, wenn es nicht der gewünschte Junge oder das gewünschte Mädchen ist und die Eltern es dafür beschuldigen, dass sie wegen ihm heiraten mussten, können die Betroffene später ähnliche Verhaltensweisen entwickeln, wie geschlagene Kinder.
Kindergarten und Schule können ebenfalls traumatisieren. Leider wissen Erzieher und Lehrer wenig über seelisch verletzte Kinder und verhalten sich aus Unkenntnis wenig hilfreich. Lehrer und Erzieher, die unsere Fortbildung „Trauma erkennen – Trauma begleiten“ besuchen, berichten übereinstimmend, dass sie völlig anders mit Eltern und Kindern umgehen und ihrer Aufgabe seitdem wesentlich leichter nachgehen können.
Kinder werden jedoch auch durch Jugendliche geschädigt. Erpressungen und körperliche Misshandlungen durch Mitschüler sind heute leider keine Einzelfälle mehr. Meist werden die Opfer unter Androhung von weiteren Quälereien zum Schweigen gezwungen. Wenn Kinder in der Pubertät sind, übersehen Eltern leicht die Spuren von Misshandlungen, da die Heranwachsenden ihre Privatsphäre im Bad gewahrt haben möchten. Beim plötzlichen Auftreten von Symptomen raten wir den betroffenen Eltern deshalb dringend, das Umfeld ihres Kindes genau zu untersuchen und möglicherweise einen Arztbesuch zu vereinbaren.
Das Thema Beziehungstrauma liegt uns sehr am Herzen. Im Rahmen dieses Buches können wir jedoch nicht weiter darauf eingehen. Wer sich intensiver mit diesem Thema befassen möchte, findet in unserem Buch „Wenn die Seele verletzt ist, Trauma: Ursachen und Auswirkungen“ weitere Informationen.